Jahrhundert-Sonnenfinsternis hinterlässt gemischte Erfahrungen

Nur Schleierwolken trübten den Blick auf die verfinsterte Sonne in Chongqing und verstärkten noch die dramatische Himmelsfärbung. [Stephan Heinsius]
Nur Schleierwolken trübten den Blick auf die verfinsterte Sonne in Chongqing und verstärkten noch die dramatische Himmelsfärbung. [Stephan Heinsius]
Wahrscheinlich standen mehr Menschen im Kernschatten des Mondes als je zuvor, mehrere hundert Millionen, und — bis zu 6 Minuten — dunkel wurde es für alle, doch nur ein Teil der Anwohner oder von weiter her Angereisten wurde auch des vollständigen Spektakels ansichtig, als am 22. Juli die längste Sonnenfinsternis des Jahrhunderts über Süd- und Ostasien und den Pazifik hinweg zog.

Wie angesichts des vorherrschenden Monsuns nicht anders zu erwarten, lagen Teile des bis zu 259(!) Kilometer breiten Totalitätsstreifens unter dichten Wolken, und mancher hoffnungsvolle Beobachter fand sich gar in den entscheidenden Minuten in einem Regenschauer wieder. Oft machten wenige Kilometer den Unterschied zwischen völligem Fehlschlag und nahezu perfekter Sicht aus (was so manchen Veteranen stark an die Bedingungen in Deutschland zehn Jahre zuvor erinnerte), und trotz meteorologischer Informationsquellen wie nie zuvor scheiterte manch große Expedition — selbst ein Kreuzfahrtschiff vor der chinesischen Küste konnte keine Wolkenlücke zur rechten Zeit finden. Allerdings hatte sich die großräumige Wetterprognose in den Tagen vor der Finsternis ziemlich stabilisiert, und wer es sich leisten wollte, konnte noch last-minute in die zentralchinesische Riesenstadt Chongqing entfliehen, für die es immer besser ausgesehen hatte; solch ein Manöver gelang unter großen Mühen sogar einer 28-köpfigen Reisegruppe aus Shanghai. Die meisten aber harrten an den lange vorher ausgekundschafteten Beobachtungsplätzen aus oder gingen allenfalls per Reisebus oder Taxi auf die Jagd nach besserem Himmel.

Die interstellarum-Lesergruppe bei Wuhan musste zwar mit dünnen Schäfchenwolken leben, insbesondere zum zweiten und dritten Kontakt gelangen jedoch sehr schöne Ergebnisse — wie diese beeindruckende Sequenz vom Ende der totalen Phase. [Ulrich Görze]
Die interstellarum-Lesergruppe bei Wuhan musste zwar mit dünnen Schäfchenwolken leben, insbesondere zum zweiten und dritten Kontakt gelangen jedoch sehr schöne Ergebnisse — wie diese beeindruckende Sequenz vom Ende der totalen Phase. [Ulrich Görze]
In einem völlig überraschenden Wolkenloch über dem südostchinesischen Städtchen Wuzhen strahlt eine ausgesprochen strukturarme Minimumskorona, die auch auf den besten verfügbaren Aufnahmen noch weniger ausgeprägte Streamer zeigte als selbst die Korona von 2008. Sogar die Polstrahlen waren eher schwach ausgeprägt und die Korona insgesamt kühler, wie spektrale Messungen von Jay Pasachoff zeigen. [Bernd Brinkmann]
In einem völlig überraschenden Wolkenloch über dem südostchinesischen Städtchen Wuzhen strahlt eine ausgesprochen strukturarme Minimumskorona, die auch auf den besten verfügbaren Aufnahmen noch weniger ausgeprägte Streamer zeigte als selbst die Korona von 2008. Sogar die Polstrahlen waren eher schwach ausgeprägt und die Korona insgesamt kühler, wie spektrale Messungen von Jay Pasachoff zeigen. [Bernd Brinkmann]
Nur wenige ausländische Beobachter waren angesichts besonders schlechter Wetterstatistik nach Indien gereist, wo die lokalen Astronomen dafür um so gespannter auf den Morgen des 22. Juli gewartet hatten: An der Westküste bei Surat, wo die Totalitätszone begann, wurden sie erwartungsgemäß von einer riesigen Wolkenmasse enttäuscht, doch weiter östlich, rund um die Stadt Varanasi, war (wenn auch erst kurz vor dem 2. Kontakt) der möglicherweise klarste Himmel der gesamten Finsterniszone in Asien zu finden, bei allerdings nur 3 Minuten Totalität. Besonderes Medieninteresse galt einem kommerziellen Sonnenfinsternisflug, wie er sich bei tief stehender Sonne und schlechten Wetteraussichten anbietet, und auch indische Profiastronomen waren mit einem Transportflugzeug in die Luft gegangen — nur um am Finsternistag feststellen zu müssen, dass es zu sehr vibrierte, um sinnvolle Messungen machen zu können! Wie schon bei den Finsternissen 1980 und 1995 wurde die Freude an der SoFi in Indien wieder durch allerlei abergläubische Reaktionen überschattet, trotz energischer Aufklärungsbemühungen von Profi- wie Amateurastronomen. Die Finsternis zog weiter durch die Hochgebirge Südasiens: In Bhutan gelang einzelnen Beobachtern immerhin ein Blick auf die Korona durch Wolken, auch in Tibet war es vereinzelt recht klar. Und dann folgte der Totalitätsstreifen im Wesentlichen dem Lauf des großen Flusses Chang Jiang alias Jangtse bis zur Ostküste Chinas, wo chinesische Astronomen entlang der Zone 17 identische Beobachtungsstationen aufgebaut hatten — von denen indes nicht alle etwas zu sehen bekommen würden.

1-04_sofichina4Nur leicht getrübte bis völlig klare Sicht boten Chongqing, die nach mancher Zählung größte Stadt der Welt (mit 32 Mio. Einwohnern in den administrativen Grenzen) und benachbarte Orte am Jangtse: Vor hier stammten auch die besten Livebilder der üppigen Fernsehsendungen des chinesischen Fernsehens und die schönsten Diamantringe in den Zeitungen. Die meisten internationalen SoFi-Reisen hatten sich aber — einer längeren Totatlität zuliebe — auf Wuhan weiter östlich und den Großraum Shanghai an der Küste konzentriert. Kurz vor Wuhan begann auch jene Zone verwirrender Wolkenverhältnisse, bei denen schon geringe Distanzen einen großen Unterschied machten: Manche schauten durch transparente Wolken, andere hatten klare Sicht, im Regen stand immerhin niemand. Im Osten schließlich war Shanghai selbst völlig chancenlos, und die Totalität versank im Regen, im Südwesten der Stadt Richtung Zentrallinie lagen Erfolg und Niederlage oft sehr dicht beieinander (wobei 350 deutschen Finsternisreisenden in Wuzhen just im rechten Moment ein verblüffend klares Wolkenloch lachte), und wo die Zentrallinie bei Jinshan die Küste schnitt, war es überwiegend wolkig. Dies galt auch für das hilflos nach einer Lücke suchende Kreuzfahrtschiff »Costa Allegra«, während die »Costa Classica« in der Nähe des Punktes des größten Finsternis beste Bedingungen vorfand. Und auch die wenigen — extrem aufwändigen — Reisen ans abendliche Ende des Totalitätsstreifens tief im Pazifik hatten überwiegend Glück. Doch ängstlich auf die eine oder andere Wolke schauen müssen hatte praktisch jeder, der zur »Jahrhundertfinsternis« aufgebrochen war.

Daniel Fischer

Die schönsten Bildergalerien:
spaceweather.com/eclipses/gallery_22jul09.htm
german.china.org.cn/photos/txt/2009-07/23/content_18192613.htm
www.boston.com/bigpicture/2009/07/the_longest_solar_eclipse_of_t.html
www.flickr.com/groups/973229@N24/pool/
Weitere Links zu Berichten und Bildern:
cosmos4u.blogspot.com/2009/07/longest-total-eclipse-of-century-seen.html

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